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Ein Fest der Bernauer für die Bernauer und ihre Gäste

Schnell fand das Fest seine Fans

Das erste Hussitenfest nach der Wende wurde 1992 gefeiert. Genau 560 Jahre lag damals die Begegnung der Bernauer mit den nicht allzu friedfertigen Anhängern des böhmischen Reformators Jan Hus zurück. Für geschichtsinteressierte Bernauer war dies der Anlass, einen Festspielverein zu gründen und die Tradition der Hussitenfeste in der Stadt wieder aufleben zu lassen. Vorsitzender war damals Hartmut Breuer. Der Verein beauftragte eine Agentur mit der Vorbereitung des Festes. Und die Stadt unterstützte das Projekt, indem sie zwei Mitarbeiter auf ABM-Basis (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme) einstellte, die sich dann um die Organisation vor Ort kümmerten.

Eine davon war Gabi Graetz, die den ersten Hussitenfestumzug der Neuzeit mit organisierte. „Eigentlich wusste damals keiner so richtig, wie wir das alles auf die Reihe kriegen sollen. Aber irgendwie lag gerade darin auch ein gewisser Reiz“, erinnert sich die gelernte Damenmaßschneiderin. Als erstes galt es, die Bernauer wieder für das Hussitenfest zu begeistern, denn schließlich hatte das bis dahin letzte 35 Jahre zuvor stattgefunden.

Die Bernauer Jungfrauen beim 1. HUssitenfestumzug im Jahr 1992 (Foto: privat)

„Wir starteten Aufrufe, um Mitwirkende am Umzug und auch Sponsoren zu gewinnen, haben alle unsere Verwandten, Bekannten und Kollegen gefragt, ob sie Lust haben mitzumachen. Außerdem baten wir die Bernauer ihre Häuser zu schmücken“, erinnert sich Gabi Graetz an die aufregenden Wochen im Frühjahr und Sommer 1992. Noch heute freut sie sich wie Bolle darüber, wie schnell das Fest seine Fans fand. Die ABM-Frauen studierten Chroniken, unterhielten sich mit älteren Bernauern, stellten die einzelnen Bilder zusammen, trafen Absprachen mit Firmen, zeichneten Streckenpläne und holten erforderliche Genehmigungen für Straßenbeschilderungen und Absperrungen ein. Bürger und Firmen spendeten für das Fest. Nicht nur Geld, sondern auch Stoffe, Leder und Kleidungsstücke. Zu Hause nähte Gabi Graetz – wie viele andere auch – Kostüme, Mützen und Umhänge. Speziell ältere Bernauer freuten sich ungemein, dass das Fest aus der Versenkung auferstehen sollte, weckte es doch in ihnen Erinnerungen an schöne, aber längst vergangene Stunden.

Der Neustart des Hussitenfestes glückte. Etwa 300 Beteiligte brachten im Umzug am 5. September 1992 Tausenden Schaulustigen in etwa 30 bewegten Bildern die wechselvolle Geschichte Bernaus nahe.

„Die ersten beiden Feste waren zum Üben da“

„Die ersten beiden Feste waren zum Üben da“, erinnert sich der Leiter des Heimatmuseums und Chef der Bernauer Briganten Bernd Eccarius. Sie bestanden vor allem aus dem Festumzug und einem Programm im Park. Die Musikanten der Gruppe Spilwut haben dort auf einer „Mittelalterinsel“ gespielt. Drum herum gab es ein eher neuzeitliches Fest mit vielen Marktständen und Rummel. Die Briganten, eine Gruppe von Freizeit-Schwertkämpfern, waren mit einigen Fechtdarbietungen dabei. „An dem Wochenende habe ich Kontakte zu einer tschechischen Mittelaltergruppe geknüpft, die mit Spilwut in Bernau war“, erinnert sich Bernd Eccarius. Bald darauf ist er nach Tschechien gefahren und hat sich auf einer Burg in der Nähe von Prag ein Mittelalterfest angesehen. „Dort haben ein paar hundert Leute in Rüstungen und Kostümen Mittelalter gelebt. So etwas kannten wir damals noch gar nicht, das war absolut beeindruckend“, sagt Eccarius. Für ihn stand fest: So ein zünftiges Fest soll es künftig auch in Bernau geben.

Und daran haben der Bernauer Museumschef und seine Mannen dann intensiv gearbeitet. Bei dem verregneten Fest im Jahr 1993 gab es einen richtigen Mittelaltermarkt und die erste „Schlacht“, in der die Begegnung der Bernauer mit den Hussiten nachgespielt wurde – allerdings mit so mancher Panne. „Da haben wir vor allem gelernt: Wir müssen erstmal üben“, erinnert sich Eccarius. Und das haben die Briganten dann auch getan, bis sie 1997 in die zweite Schlacht vor den Toren von Bernau zogen.
Stadtverwaltung nahm das Zepter in die Hand

Relativ schnell wurde auch klar: Die Idee, das Fest von einer Veranstaltungsagentur organisieren zu lassen, war keine gute. „Das Management der Agentur hat ein Fest hingestellt, das so überall hätte stattfinden können. Die Bernauer hatten kaum Chancen, ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen“, erinnert sich Gabriele Karla vom Kulturamt. Obwohl die Stadt das Fest damals finanziell unterstützte, hatte sie keinen Einfluss auf das Geschehen. Das wurde 1994 grundlegend geändert. Die Stadt wurde selbst Veranstalter. Gabriele Karla nahm die Organisation in die Hände. Den Hut auf als Dezernent hatte all die Jahre über Eckhard Illge, der inzwischen leider verstorben ist. Neben dem Kulturamt waren auch der Bauhof, die Öffentlichkeitsarbeit, die Tourist-Information, das Ordnungsamt und andere Ämter der Stadtverwaltung an der Organisation beteiligt. Das funktioniert bis heute gut. Der Mittelalterbereich im Stadtpark wurde ausgeweitet, später auch die Innenstadt in das Festgeschehen einbezogen. Der Marktplatz wurde zum Töpfermarkt.

Das Festspiel am Samstagabend

Vor allem Bernd Eccarius und die damalige Chefin der Freizeitwerkstatt FRAKIMA, Petra Skovholm, gaben dem Fest ein neues Gepräge. Mit viel Ideenreichtum gestalteten sie das Programm. Höhepunkt war das alljährliche Festspiel im Park. Die dort aufgeführten Stücke hatte Petra Skovholm den Bernauer Akteuren auf den Leib geschrieben, mit ihnen geprobt und dann unter großem Beifall auf der Bühne präsentiert. Die Regisseurin selbst trat als Harlekin auf.

„Als Petra Skovholm 1999 der Liebe wegen nach Dänemark zog, hinterließ sie eine große Lücke“
, erinnert sich Sabine Oswald-Göritz, die damals zusammen mit Martina Salow die Organisation übernahm. Fünf Jahre lang gab es noch Samstagabend-Festspiele mit der FRAKIMA. Dann musste eine völlig neue Idee entwickelt werden. Die Stücke schreibt seitdem Holger Herzog von der Mittelaltergruppe Trivium. Mit Laienschauspielern wie Schülern vom Paulus-Praetorius-Gymnasium studierte Regisseur Victor Choulmann die Stücke ein und führte sie auf. Mit dabei waren auch Chöre unter Leitung von Wilfried Staufenbiel. Seit 2011 hat Holger Herzog auch die Regie übernommen. Alljährlich bringt er am Samstagabend mit seiner Gruppe Trivium, mit Schüler- und Tanzgruppen eine neue interessante Geschichte aus der Bernauer Historie auf die Bühne. Die Zuschauer danken es ihnen mit viel Applaus.

Eine Zeitreise in die Geschichte

Großer Andrang herrscht am zweiten Juni-Wochenende im Festpark mit mittelalterlichem Heerlager und Markt, Reiter- und Fußturnieren, Gauklern und Musikanten, Sängern und Tänzern. Mittelalterenthusiasten laden zu einer Zeitreise in die Geschichte ein. Dabei waren in all den Jahren die FRAKIMA, der Bader, die Hexe Spinnebein, Trivium, die Theatergruppe Cassalera, die Tanzgruppe Orientalia Magica, die Gruppe Kost und Küche, die Fugeros-Jongleure, der Bernauer Drachen und viele andere.

Das Festprogramm wurde unter der Federführung von Sabine Oswald-Göritz immer ausgefeilter, vielfältiger und kinderfreundlicher. Auf zwei Bühnen treten Laien- und professionelle Künstler auf. Das Rahmprogramm organisiert Paula Herold die Bertholdin mit ihrer Mittelaltergruppe, die auf dem Fest vielfach mit Aktionen präsent sind. Viele Fans hatte Sabine Zimmermann mit dem Kindertheater Saltarello, Kerstin Ehrlich ist mit ihrer Kindertanzgruppe Zaubersterne auch heute noch dabei. Nicht nur im Park, auch auf dem Marktplatz, in der Bürgermeisterstraße und rund ums Mühlentor wird gefeiert.
Auch der Festumzug am Samstagvormittag ist in den vergangenen Jahren immer größer und opulenter geworden. Mehr als tausend Teilnehmer lassen inzwischen alljährlich in 50 bis 60 lebendigen Bildern die Stadtgeschichte Revue passieren. Vorneweg marschiert stets der Herold mit Stadtfahne, es folgen die Bierbrauer, die Hussiten, der Henker, die Schützengesellschaft, die Feuerwehr, Zickenschulze und viele, viele andere … Die meisten Akteure haben inzwischen ihre eigene Ausrüstung, eigene Kostüme. Andere bekommen diese aus dem städtischen Fundus.

Zum Gelingen des Hussitenfestes hat in all den Jahren neben dem Festspiel- auch der Heimatverein mit seinem Vorsitzenden Horst Werner beigetragen: mit Bildern im Festumzug, eigenen Festschriften und bei der Eröffnungsveranstaltung.

Höhepunkt am Sonntag: „Die Schlacht vor Bernau“

Alljährlicher Höhepunkt am Hussitenfest-Sonntag ist nach wie vor die „Die Schlacht vor Bernau“, aufgeführt von den Briganten und ihren deutschen und tschechischen Freunden. Ein Geschichtenerzähler berichtet, wer die Hussiten eigentlich waren und wie sie 1432 in die Mark Brandenburg und dabei auch nach Bernau kamen. Dann gibt es ein spannendes Vorspiel mit Tanz und Bierprobe, Es folgen die dramatischen Höhepunkte: drei Angriffe der Hussiten, die allesamt scheitern – und dann mit viel Getöse und Kanonendonner die Schlacht vor Bernau. Mit einem Augenzwinkern erzählt: Denn wirklich stattgefunden hat diese Schlacht nicht.

Franziska Radom hat seit 2013 den Hut auf als Festorganisatorin. „Ich habe ein gut strukturiertes Fest weitergeführt“, so die 38-Jährige. „Wir versuchen, immer wieder Neuerungen einzuführen, damit das Fest interessant bleibt. Tradition spielt eine große Rolle bei so einem Stadtfest, man muss es nicht neu erfinden, aber an mancher Stellschraube kann gedreht werden.“ Weitere Angebote für Kinder sind ihr wichtig. Seit zwei Jahren gibt es auch einen Fackelumzug für die jüngsten Hussitenfestfans und ein Feuerwerk am Steintor für die etwas älteren. Ebenfalls beliebt bei Kindern: der Rummel im Stadtpark.
Dank dem Engagement Tausender ist das Hussitenfest zu einem Markenzeichen für die Stadt geworden. Viele hätten ein Dankeschön verdient. Da das leider nicht möglich ist, sei zumindest noch ein Name genannt: Eva Maria Rebs. Sie hat sowohl als langjährige Vorsitzende des Festspielvereins als auch in leitender Stellung bei der Stadt dazu beigetragen, dass das Fest zu dem wurde, was es heute ist: Zu einem Fest der Bernauer für die Bernauer und ihre Gäste.

Anekdoten:

Mit Schrecken erinnert sich Sabine Oswald-Göritz noch heute an einen Anruf im Juni 2003 kurz bevor der „Der Glöckner von Notre Dame“ von den Uckermärkischen Bühnen nach der Romanvorlage von Victor Hugo aufgeführt werden sollte. „Ein äußerst aggressiver Anrufer hat sich aufgeregt, dass wir so ein Stück aufführen wollen. Wir würden damit Behinderte diskriminieren. Er sei selbst behindert und wisse, wie es ist, ausgelacht zu werden. Das Stück sollten wir gefälligst absagen.“ Tapfer argumentierte sie mit Weltliteratur und künstlerischer Freiheit dagegen, bis der Anrufer plötzlich laut loslachte und sich als Redakteur vom Berliner Radiosender rs2 zu erkennen gab. „Sie haben wirklich doll für das Stück gekämpft“, sagte er dann anerkennend.

„Wenn ich heute im Fotoalbum blättere, kriege ich beim Anblick von Abrecht dem Bären noch immer einen Schreck. Trug der doch seinen Bart nicht da, wo er hingehört, sondern voller Würde als Kette“, so Gabi Graetz, die den ersten Hussitenfestumzug organisierte.

Bernd Eccarius denkt mit Grausen an die erste Aufführung der Schlacht vor Bernau: „Es regnete ununterbrochen. Ich sollte von einem Turm ins Stroh fallen. Durch den Regen waren das Stroh und die Pappkartons jedoch nur noch als Matsch da – eine Rückenlandung war nicht möglich. Aber zum Glück landete ich sicher auf meinen Beinen.“

„Bei einem Fest hatte Eckhard Illge, spontan wie er nun mal war, eine Pferdekutsche organisiert, die Besucher vom Bahnhof zum Park fahren sollte. Am Ende war es so, dass diese Kutsche völlig ungeplant im Festumzug mitfuhr und alle Moderatoren aus dem Konzept brachte. Keiner wusste, was für ein Bild sie darstellen sollte“, erinnert sich Franziska Radom.